MARTIN SCHULTE

Einfach ganz unverschnörkelt Jazz-Standards aufzunehmen – das muss man sich erst mal trauen in einer Zeit, in der Alle immer ‘höher‘, ‘weiter‘, ‘lauter‘ und ‘schräger‘ rufen…

…sagt Schlagzeuger Jens Düppe über „Time Remembered“ – das neue Album des Martin Schulte Trios und trifft damit den Nagel auf den Kopf.  Nach drei Longplayern mit überwiegend eigenen Kompositionen präsentiert der hochgelobte, preisgekrönte Gitarrist und Bandleader nun ein Album, das zum großen Teil aus Standards legendärer Jazzer wie Bill Evans oder John Coltrane besteht. Es waren vor allem seine Aufenthalte in New York (2009-2010) und Barcelona (2003-2004), in denen sich Schulte besonders intensiv mit den Jazz-Klassikern auseinandersetzte. „In beiden Städten kannte ich zu Anfang nur sehr wenige Musiker, deswegen besuchte ich viele Sessions. Dort sind Standards die gemeinsame Sprache, über die man sich verständigt“, erklärt Schulte und ergänzt: „Mir fiel schnell auf, dass vor allem die jungen Jazzmusiker in den USA ein sehr vertrautes, natürliches Verhältnis zu Standards haben. Wie sie diese Tradition pflegen und hochhalten, das hat mich beeindruckt“, erinnert sich Schulte.   

Zusammen mit Henning Gailing am Kontrabass und Jens Düppe am Schlagzeug wollte der Gitarrist die Stücke nicht in neue Arrangements pressen, sondern ließ die Vorlagen weitgehend unberührt. Das zahlte sich aus. Die Aufnahmen klingen ebenso relaxed wie erfrischend und authentisch. „Einfach nur erstklassigen schwarzen Kaffee zu servieren, anstatt Kaffee mit Zucker und Milchschaum, garniert mit Kakaopulver – das war unser Plan für die Arrangements der Stücke“, erklärt der Wahl-Kölner die Band-Philosophie im Studio.

Dank seines eleganten, fingerfertigen Saitenspiels hat er Effekthascherei nicht nötig. „Zwar hatte ich zu den Proben mein Pedal-Board mitgebracht, ahnte aber bald,  dass ich es unbenutzt in der Ecke stehen lassen konnte“, so Schulte. Abgesehen von leichten Hall- und Echoeffekten verzichtete  er auf technische Verfremdungen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb - gelingt es ihm immer wieder, Hinhörer zu produzieren, für die es sich lohnt, die Ohren zu spitzen. Im letzten Abschnitt des  Titelstücks „Time Remembered“ etwa, wenn er die  Saiten mit seiner rechten Hand leicht abdämpft und so eine holzig klingende, ploppende Tonreihe produziert.

Die Freude an der Interaktion, dem Kommunizieren im Dreieck, ist dem Trio in jeder Minute anzumerken. „Die Produktion war sehr natürlich, vieles beim Spielen einfach klar und musste nicht besprochen werden“, beschreibt Drummer Düppe die entspannte Stimmung während der Aufnahmen. Auch Schulte war bewusst, dass er das Studio mit musikalischen Seelenverwandten teilte. Mit Bassist Henning Gailing hatte er zuvor schon viele Sessions im Duo absolviert. „Henning ist ein impulsiver, toller Solist, der immer mit voller Hingabe spielt. Unabhängig davon, ob er gerade soliert oder begleitet. Und Jens besitzt eine schier unglaubliche Intuition. Er scheint jederzeit zu ahnen, wo ich hin will, versteht es aber trotzdem, unserem Spiel frische Impulse zu verleihen“, fasst Schulte die Qualitäten seines Trios zusammen.

Schlagzeuger Düppe sieht noch einen anderen Grund für das frische, energetische Zusammenspiel des Ensembles. „Während ich mit Martin noch nicht viel zusammengearbeitet habe, mit Henning aber schon seit 15 Jahren regelmäßig, ergibt sich  ein Spannungsfeld zwischen vertraut und ganz neu. Eine Konstellation, die bewirkt, dass man zeitweise auf den absoluten Wohlfühlfaktor verzichten muss, so dass man ständig gefordert ist. So bleibt die Spannung in der Musik erhalten.

Neben Standards wie „26-2“ (John Coltrane), „Darn That Dream“ (Jimmy van Heusen)  oder “All Or Nothing At All” (Arthur Altman) präsentiert das Trio auch drei Eigenkompositionen von Schulte, die dessen Qualitäten als Songwriter eindrucksvoll unterstreichen. Das unwiderstehlich groovende „Junk In The  Trunk“ zum Beispiel, das der Gitarrist seinem alten Audi 80 gewidmet hat, der ihm elf Jahre lang – bis zu einem formidablen  Kilometerstand von 500.000 – treue Dienste leistete. „Der hatte  einen sehr tiefen Kofferraum, in dem ich oft Gitarrenständer, Kabeltrommeln und Notenständer transportierte. Da kam es schon vor, dass mich meine Mitfahrer auf den ganzen Krempel angesprochen haben, der da hinten lagerte“, schmunzelt Schulte.

Ein passendes Gegenstück ist ihm mit „Where We Belong“ gelungen , das mit seinem verträumten, relaxten Charme und einer Melodie mit Ohrwurmqualitäten überzeugt.  Ein Stück mit echten Song-Qualitäten und einer wunderbaren Melodie – nicht zu viel und nicht zu wenig arrangiert“, bringt es Jens Düppe auf den Punkt.  Oder – um auf erwähntes Bild zurückzukommen – erstklassiger schwarzer Kaffee eben.