RAFAEL JERJEN

Soul Station Return

Was „Kind of Blue“ für Miles Davis und „Giant Steps“ für John Coltrane bedeutete, war “Soul Station” für Hank Mobley. Ein Meilenstein der Jazzgeschichte, mit dem der US-Saxofonist 1960 seinen größten Erfolg feierte. Eine Produktion aus dem Hause Blue Note, für dessen Einspielung das Label-Management Mobley Ausnahmemusiker wie Art Blakey, Paul Chambers und Wynton Kelly zur Seite stellte. 55 Jahre  nach Erscheinen von „Soul Station“ erklingt die Hardbop-Perle nun in einem neuen Gewand. Auf „Soul Station – Return“ wahrt der australisch-schweizerische Bassist Rafael Jerjen  den Geist des Originals, entwickelt es aber auch deutlich weiter.
„Ich fand es reizvoll, das ursprünglich im Quartett eingespielte Album um diverse  Stimmen und Stimmungen zu erweitern“, erklärt der 26-jährige Bassist, der zu den größten Talenten zählt, den die kleine, aber feine australische Jazz-Szene in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Und so wurde aus dem Quartett ein Septett, bestehend aus Jerjen am Kontrabass und E-Bass, sowie sechs renommierten Jazzern aus Los Angeles – unter ihnen Joe La Barbera, der unter anderem für Bill Evans trommelte, und Grammy-Gewinner Bill Cunliffe (Klavier).  
Ausgangspunkt für Jerjen war die Frage, welche Qualitäten des Originals er in seiner Adaption aufgreifen wollte. Zum Beispiel das beinahe schon unverschämt virtuos anmutende Zusammenspiel zwischen Mobley und seiner Rhythmusgruppe, in der es Drummer Art Blakey wie kein Zweiter verstand, die Phrasierungen des Saxofonisten mit einem swingenden Teppich zu unterlegen. „Auch das lyrische Spiel Hank Mobleys hat mich tief beindruckt. Die Art, wie er sich durch die Akkorde hindurch bewegte und stets flüssige Übergänge schaffte – das war unverkennbar“, schwärmt Jerjen. Und so entschied sich der Bassist, einige von Mobleys Soli originalgetreu in seine Arrangements zu übernehmen.
Gleichzeitig erhält „Soul Station – Return“ durch die Erweiterung der Bläsergruppe (Tenorsaxofon, Altsaxofon, Posaune und Trompete) deutlich mehr Klangfarben und Stimmungen als die Urversion. War das Original vor allem auf Swing und einfache, Blues-inspirierte Sounds beschränkt, wagen Jerjen und seine Spielgefährten deutlich mehr, was der Hörende vor allem an den veränderten Grooves bemerkt. So wurde  „Remember“ in einen Hip Hop-Beat verpackt, der dem Stück einen treibenden, hüpfenden Grundcharakter verleiht, während „This I dig of you“ mit Tempiwechseln und einem Gospel und Soul-gefärbten Finale überrascht.
Mit zwei neuen Kompositionen verschaffen Jerjen und seine Musiker dem Blue Note-Klassiker eine sehr persönliche Note. „Beide Stücke fungieren als Zwischenspiel, die frische Luft ins Original blasen sollen“, erklärt Jerjen, der sich bei der Reihenfolge der Titel ansonsten an den Ablauf des Originals hält. „Memories of Mobley" ist ein Duett, ein „kleiner Blues für Hank auf einer intimeren Ebene“, auf dem Saxofonist Bob Sheppard zur Bassklarinette greift. „Love For Sale“ wiederum stammt eigentlich aus der Feder Cole Porters, das dank grundlegender Reharmonisierung und Jerjens E-Bass-Spiel, das hier an Anthony Jackson erinnert, nun lateinamerikanisches Flair versprüht.
2013 ist Jerjen, nachdem er mit seinen Eltern 18 Jahre lang in Australiens Hauptstadt Canberra gelebt hatte, in die Schweiz zurück gekehrt.  Im Sommer wird er sein Master-Studium in Luzern beenden. Und dann? Zieht es ihn auf Europas Jazzbühnen. In Berlin konnte man sich bereits von seinen Qualitäten überzeugen. „Mir ist es wichtig, nicht einfach nur in den tiefen Lagen zu bleiben, sondern schöne Melodien zu spielen und eine Aussage mit meinem Instrument zu treffen“, unterstreicht der mehrfach preisgekrönte Bassist. Und er hat keine Scheu, sein Innerstes nach außen zu kehren. Jerjen stellt klar: „Wie ein Baumstamm auf der Bühne zu stehen, passt nicht zu meinem Naturell.“
Wer sich Jerjens Videoclips auf www.rafaeljerjen.com anschaut und beobachtet, wie sich der junge Mann im Takt der Musik hin und her wiegt und dabei sein Mienenspiel ständig verändert, der ahnt, welche tiefe Freude er beim Musizieren empfindet.